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Berühmte Liebespaare

Berühmte Liebespaare

Florian Russi

Broschüre | 20 Seiten | 2017

ISBN: 978-3-86397-064-2
Preis: 2,00 €

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Was weiß der Mensch von der Liebe? Die Liebe und vor allem Liebesbeziehungen sind so verschieden, wie die Menschen, die sie durchleben. Autor Florian Russi durchforstete die Menschheitsgeschichte auf der Suche nach berühmten Liebespaaren und bringt dabei die verschiedenen Facetten der Liebe ans Licht. Doch kann man wirklich von Liebe sprechen?

Andreastag

Vielfältiger Brauchtermin der Vormoderne Bräuche um die Jahreswende, Orakeltag der Liebenden und vieles mehr

Der Andreastag am 30. November war als ein sogenannter Lostag im Volksglauben der Vormoderne mit allerlei abergläubischen Riten und Praktiken verbunden, die zumeist Bräuche um die Jahreswende darstellten – dazu waren aber auch viele Orakelbräuche in Herzensangelegenheiten oder zur Wetterdeutung üblich. Die magischen Wirkungen konnten sich außerdem auch auf in Erfüllung gehende Wünsche und Träume beziehen. Ein möglicher Hintergrund lässt sich im Alltagsleben finden: Wie das Wetter oft über den wirtschaftlichen Erfolg im Jahr entschied, so konnte der „Liebeserfolg“ das Fortkommen im Leben entscheidend mitbestimmen. Das kann zumindest als eine der möglichen Deutungen für die Verbindung beider Orakelbräuche herangezogen werden.

Wenig bis nichts hat sich davon praktisch erhalten, am ehesten noch im alpinen Raum (und in Polen oder in der Ukraine); vieles wirkt im Rückblick eher irritierend, nur noch schwer verständlich, aber auch mitunter amüsant.

Heiliger Andreas
Heiliger Andreas

Der Heilige, der im Zentrum steht: Sankt Andreas

Der 30. November ist benannt nach dem Apostel Andreas, der nach mittelalterlicher Überlieferung im Jahre 60 an diesem Tag den Märtyrertod erlitten haben soll. Er war einer der ersten Jünger Jesu, gemeinsam schloss er sich mit seinem Bruder Simon, den Jesus später Fels, also Petrus nennen sollte, dem Messias an; sein Beiname wurde auch der Erstberufene. Beide waren Fischer gewesen und wurden nach Jesu Tod und Auferstehung um 30 auch die ersten Apostel. Als solcher missionierte der spätere heilige Andreas in Südeuropa, vor allem in Skythien, Thrakien und Griechenland. Hier, in der griechischen Stadt Patras, soll er als Märtyrer getötet worden sein – wiederum nach mittelalterlicher Überlieferung an einem Schräg- oder Diagonalkreuz, das aus zwei diagonal aneinandergelegten Holzbalken bestand. Dieses schief bzw. schräg gestellte, in der Bildenden Kunst schon früh „Andreaskreuz“ genannte X-förmige Marter- und Hinrichtungsinstrument wurde wie der Fisch sein Attribut, sein wichtigstes Zeichen, und der Kunst; wir finden es auch in vielen Flaggen, unter anderem durch Schottland im Union Jack Großbritanniens, aber ebenso in etlichen Wappen (hier Schragen genannt) und zum Beispiel noch heute als Verkehrszeichen. Mindestens seit dem 4. Jahrhundert ist bezeugt, dass ein Sankt-Andreas-Fest begangen wurde, das kurz auch Andreastag genannt wird. Der Apostel Andreas galt entsprechend der mit ihm verbundenen Legenden als Patron, also Schutzheiliger, u. a. der Fischer, der Bergleute und der Liebenden bzw. des Ehestandes, aber auch als Landespatron u. a. für Schottland und Russland. Im Volksglauben galt das Andreaskreuz übrigens als ebenso übelabwehrend wie unter anderem der Drudenfuß – ob diese Deutung seine Funktion an Eisenbahnübergängen erklären kann?

Bedeutung durch die Stellung im Kirchenjahr

Seine frühere Bedeutung erhielt der Andreastag als letzter Tag im November; denn diese Tatsache begründete seine Stellung im Kirchenjahr, das in der Vormoderne im Alltagsleben der normalen Menschen wegen der zentralen Rolle des christlichen Glaubens durchaus bedeutsamer war als das bürgerliche Jahr: Dieser letzte Tag im November zeigte das kalendermäßig bewegliche Ende des Kirchenjahres an, am Samstag nach Toten- oder Ewigkeitssonntag, dem der Andreastag im Wechsel der Wochenrhythmen der Jahre immer nahestand, sowie den ebenso beweglichen Beginn des Advents als eine Zeit froher Erwartung, die mit dem ersten Adventssonntag am nächsten Sonntag nach dem Totensonntag einsetzt. Beide Termine lagen und liegen demzufolge immer kurz vor ihm oder kurz nach ihm, schließen ihn also ein; denn der erste Advent ist stets ein Sonntag zwischen dem 26. November und 4. Dezember, zurückgerechnet vier Wochen vom feststehenden Weihnachtstermin. Erst am 30. November 2025 ist der Andreastag wieder auch zugleich der Termin des ersten Adventssonntags.

Lostag in den vormodernen Alltagsorientierungen

Durch diese Stellung in der Nähe vom Wechsel des Kirchenjahres wurde der Andreastag in der Vormoderne mit allerlei Jahresend- bzw. Jahresbeginnbräuchen verbunden, mit Bräuchen zur Einleitung der Adventszeit und zu allerlei Orakeln. Denn der Tag galt insgesamt mit der ihm vorausgehenden Nacht, die auch Andreasnacht genannt wurde, als eine Zeit, die für allerlei Weissagung offen war. Das war sie aber nicht allein: Die vormodernen Muster solcher Alltagsorientierungen hielten insgesamt 84 solcher Tage bzw. Nächte im Jahr bereit, die abgeleitet von „Losen“ im Sinn von „Wahrzeichen deuten, Vorhersage, Wahrsage“ auch Lostage bzw. Losnächte genannt wurden. Nach verbreitetem Volksglauben erachtete man sie als bedeutsam für die Wetterentwicklung der kommenden Wochen und die Verrichtung bestimmter, zumeist landwirtschaftlicher Arbeiten. Beide, Andreasnacht und nachfolgender Andreastag, wurden in dieser Anschauung mit solcher magischer Schicksalsdeutung aufgeladen. Sehr verbreitet waren insbesondere Orakel und Traumdeutungen in der Andreasnacht bezüglich künftiger Heirat oder eventuell empfohlenen Handels. In diesem Zusammenhang wurde der Termin früher seitens der Heiratsfähigen und Jugendlichen auch mit viel Hoffnung und großen Spannungen herbeigesehnt. Daneben war der Andreastag auch ein wichtiger Zahl- und Liefertermin im Wirtschaftsleben.

Bauernregeln gibt es zu diesem Lostag natürlich auch. Eine lautet: „Andreas hell und klar, beschert uns sicher ein gutes Jahr“, eine andere „Andreasschnee tut Korn und Weizen weh“ (… den Saaten weh), und auch dies wurde behauptet: „Hält Sankt Andrä den Schnee zurück, so schenkt er reiches Saatenglück“ oder im Gegenteil: „Andreasschnee bleibt gar hundert Tage liegen“.

Liebesorakel und Liebeszauber

Besonders beliebt war Andreas als Patron der Liebenden und Eheleute. Die richtige Partnerwahl, von jeher einer der zentralsten Entscheidungen, die ein Mensch in seinem Leben trifft, war zudem früher noch von viel grundsätzlicher Bedeutung als heute. Denn Heirat brachte in der Vormoderne einem jungen Mädchen mehr als nur die Erfüllung und gesetzlich-gesellschaftliche Sanktionierung von Liebesbeziehungen; vor allem anderen führte sie der Gang vor den Traualtar auch in die wirtschaftliche Selbstständigkeit – freilich immer in zumindest juristischer Abhängigkeit von ihrem Ehegatten als Geschlechtsvormund, der in dieser Hinsicht einfach ihren Vater ablöste.

In Liebesdingen ist der Mensch ja immer auch etwas irrational veranlagt. Heiratswillige oder Heiratslustige junge Mädchen betrieben deshalb in der Andreasnacht und am Andreastag viel Aufwand, um den Namen, das Gesicht oder auch nur einen Anhaltspunkt für ihren künftigen Ehemann, seine Herkunft und seine Art zu erlangen. Denn dieser entschied, wie erwähnt, auch mit über ihre künftige soziale Stellung in der Dorfgemeinschaft. Aber man wollte natürlich immer auch in Statur, Aussehen und Charakter den „Richtigen“ haben – wenn er denn nicht ohnehin ohne Mitsprache des Mädchens von den Eltern vorbestimmt war.

Im Kern drehten sich alle am 30. November gebräuchlichen diesbezüglichen abergläubischen Praktiken – in vollem Ernst oder mitunter auch eher scherzhaft betrieben – darum, den heiligen Andreas zu bitten, dem Mädchen ihren künftigen Liebsten zu offenbaren, also ihn entweder im Traum erscheinen zu lassen oder sonst irgendwie einen Hinweis zu geben oder aber es zu fügen, dass das Mädchen im nächsten Jahr heiraten kann und dann natürlich auch den Erwünschten. Oft war das Mädchen einfach nur bemüht, von „höherer Seite“ Bescheid zu bekommen und hatte schon längst seine Wahl des Herzens getroffen, die es bestätigt haben wollte. Als ein gern genutzter Ort zum „Anspinnen“ von erotischen oder Liebesbeziehungen zwischen Mädchen und Burschen, die dann auch in eine Ehe übergehen konnten, erwies sich übrigens in vielen Dörfern vielfach die Spinnstube, in der die jungen Mädchen das Arbeiten mit geselliger Zusammenkunft verbanden. Man kann sich gut vorstellen, dass hier in interner Runde auch gern allerlei Erfahrungen in Liebesdingen ausgetauscht wurden und sicher eben auch zu den verschiedensten magischen Praktiken oder Erfolg versprechende Bräuche am Andreastag.

Der Liebeszauber, Gemälde des Meisters vom Niederrhein, 1470–80
Der Liebeszauber, Gemälde des Meisters vom Niederrhein, 1470–80

Häufig war Nackheit ebenso Vorschrift wie Schweigen bei den allerlei magischen Verrichtungen. Wieder waren es Tätigkeiten und Dinge des Alltags, die dabei im Zentrum standen: die Stube mit einem neuen Besen kehren, ins frisch gemachte Bett springen und dabei Sprüche oder das Andreasgebet aufzusagen, immer erschien dann der Künftige im Traum. In einigen Orten war es auch üblich, dass das Mädchen einen Holzscheit aus einem Stapel zog, um an seiner Form die „Rechtschaffenheit“ des künftigen Ehemanns zu erkennen; warf es einen Pantoffel über die Schulter, konnte es an seiner Spitze die Richtung erkennen, aus der der Liebste kommen wird. Ein anderer Brauch war, einen Pantoffel mehrfach, bis zu zwölfmal, in einen Baum zu werfen – blieb er hängen, sie tat dies im nächsten Jahr analog auch ein Mann. Beliebt war auch das sogenannte Apfelorakel. Danach musste ein ein Apfel so geschält werden, dass die Schale ein unzerschnittenes, langes Band ergab. Dieses warf dann das Mädchen nach hinten über die linke Schulter, um dann aus der Lage der Apfelschale den Anfangsbuchstaben des künftigen Liebsten zu deuten.

Wollte das Mädchen sicher gehen, konnte sie sich auch durch allerlei Liebeszauber in der Andreasnacht einen Liebsten herbeirufen. Es gibt einen schönen Beleg aus der Bildenden Kunst, wie wir uns einen solchen Liebeszauber im Spätmittelalter vorstellen dürfen. Ein unbekannter niederländischer Maler des 15. Jahrhunderts zeigte in seinem Gemälde „Der Liebeszauber“, heute im Bildermuseum Leipzig aufbewahrt, .den Vorgang in der Farb- und Formensprache der Spätgotik: Eine junge Frau schlägt nackt Feuer und lässt die Funken auf ein in einem Kästchen liegendes rotes Herz fallen. Der Zauber scheint Wirkung zu entfalten – im Hintergrund öffnet sich eine Tür und ein Mann betritt den Raum. Das Gemälde weist zwar nicht explizit auf den Andreastag hin, aber wir wissen, dass er vielfach mit solchem Liebeszauber verbunden war.

Zum Schluss sei noch dies erwähnt: Heute spielt der 30. November als wichtiger Termin des Jahres allenfalls noch als Endtermin für den Wechsel der Kfz-Versicherung eine Rolle - und da entscheidet sicher bei den meisten von uns vorrangig kühle Kalkulation ...


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Bildquellen:

Andreasnacht. von 1867 Heinrich von Siemiradzki (1843–1902), gemeinfrei

Griechische Ikone des Apostels Andreas, gemeinfrei

Der Liebeszauber, Gemälde des Meisters vom Niederrhein, 1470–80, gemeinfrei

Literatur:

Hanns Bächtold-Stäubli (Herausgeber, unter Mitwirkung von Eduard Hoffmann-Krayer), Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens, 10 Bde., Berlin 1927-42, Nachdruck 2000, Bd. 1, Sp. 398-405.

Karl Baum, Altbayerische Bräuche und Feste, Schrobenhausen 2008, S. 104f.

Manfred Becker-Huberti, Lexikon der Bräuche und Feste, Stuttgart 2001, S. 17-20.

Angelika Feilhauer, Feste feiern in Deutschland. Ein Führer zu alten und neuen Volksfesten und Bräuchen, Zürich 2000, S. 232.

Judith Kumpfmüller, Dorothea Steinbacher, Das bayerische Brauchtumsjahr. Lebendige Folklore zwischen Frankenwald und Watzmann, München 2005, S. 188f.

Ingeborg Weber-Kellermann, Landleben im 19. Jahrhundert, München 1988, S. 199-190 (Spinnstube als Ort von Eheanbindungen).