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Weihnachten bei Familie Luther

Christoph Werner

Luthers jüngster Sohn erzählt vom Christfest

Paul Luther, der jüngste Spross der Lutherfamilie, gewährt dem Leser Einblick in sein Leben und das seiner Familie.
Er berichtet von seiner Kindheit in Wittenberg und der Krankheit seines Vaters, von seiner Verwicklung, die ihm als Leibarzt widerfuhren, und von den Intrigen am Gothaer Hof. Reichlich illustriert öffnen sie dem Leser die Tür zur Weihnachtsstube der Familie Luther.

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Katharina von Bora

Teil 1

Die Frau des Reformators

Es war keineswegs Liebe auf den ersten Blick, die Katharina von Bora und Martin Luther zusammenführte. Als die beiden 1525 – der Bauernkrieg hatte in Mitteldeutschland gerade seinen blutigen Höhepunkt erlebt – zu Wittenberg den Bund der Ehe schlossen, hielten das selbst enge Weggefährten und Freunde zunächst für eine reine Zweckgemeinschaft und einige begegneten dem sogar mit Unverständnis. Ganz abgesehen davon, dass nicht nur in jener Zeit die Hochzeit einer entlaufenen Nonne mit einem abtrünnigen Mönch ein skandalträchtiges Ereignis darstellte. Die damals 26-jährige Katharina, die zwei Jahre zuvor aus dem Zisterzienserinnenkloster St. Marienthron in Nimbschen geflohen war, hatte bis dahin trotz mancher Versuche noch keinen Ehemann gefunden, und der fast 42-jährige Martin Luther, inzwischen ein berühmter Theologe und Reformator, hatte zwar oft gegen das Zölibat gewettert und die Ehe als gottgewollt gepriesen, selbst aber nur wenig Neigung verspürt zu heiraten. Doch nun machten die beiden gemeinsame Sache. Was als pragmatischer Schritt begann, sollte bald ein enger und schließlich liebevoller Bund für Leben werden. Die selbstbewusste und gebildete Katharina verkörperte nicht einfach nur die Frau an Luthers Seite und schenkte ihm sechs Kinder, sie war auch seine wichtigste Gefährtin in guten wie in schlechten Zeiten, hielt dem rast- und ruhelosen protestantischen Prediger zuverlässig den Rücken frei und sicherte mit ihrem wirtschaftlichen Geschick die Existenz ihrer Familie und zahlreicher Bediensteter. Von ihr selbst sind kaum schriftliche Zeugnisse überliefert, dafür umso mehr von Luther über sie, sodass – gemessen an anderen Frauen jener Zeit – relativ viel über Katharina von Bora und ihr Leben bekannt ist. Dass sie einmal als „die Lutherin“ zu den berühmten Frauen der Reformationszeit gehören sollte und bis heute der Inbegriff der vorbildlichen protestantischen Pfarrfrau ist, war ihr allerdings nicht schon an der Wiege gesungen worden.

Herkunft, Kindheit und Jugend

Ihre Biografen gehen davon aus, dass Katharina von Bora am 29. Januar 1499 zur Welt kam. Man beruft sich dabei auf die entsprechende Inschrift einer Münze, die Katharina als Geschenk ihres Mannes Martin am Hals getragen haben soll und die später wohl verloren ging. Auch herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass Katharina dem verarmten Landadel entstammt. Im Hinblick auf ihre Eltern und vor allem auf den Geburtsort allerdings stößt man auf durchaus unterschiedliche Angaben. Unter Historikern hat sich mehrheitlich die Annahme durchgesetzt, dass Katharina von Bora auf dem sächsischen Gut Lippendorf (heute ein Ortsteil von Neukieritzsch) geboren wurde, ca. 20 km südlich von Leipzig. Als ihr Vater wird ein J(h)an von Bora genannt, verheiratet mit einer Katharina von Haubitz, wahrscheinlich Katharinas Mutter. Daneben gibt es auch die – in jüngerer Zeit wiederbelebte – These, dass Katharina von Bora auf einem Rittergut im mittelsächsischen Hirschfeld/Deutschenbora bei Nossen als Tochter eines Hans von Bora und einer Anna von Haugwitz das Licht der Welt erblickt haben soll. Bekannt ist, dass Katharina von Bora mehrere Brüder und wohl auch eine Schwester hatte. Als ihre Mutter starb und ihr Vater daraufhin erneut heiratete, wurde Katharina 1504 oder 1505 in das Augustinerchorfrauenstift Brehna (bei Bitterfeld) gebracht; um 1509 wechselte sie in das Zisterzienserinnenkloster St. Marienthron in Nimbschen, dem eine Verwandte, Margarete von Haubitz, als Äbtissin vorstand. Zudem war ihre Tante Magdalena von Bora („Muhme Lehne“) dort langjährige Siechenmeisterin (Krankenpflegerin eines Spitals). 1514 begann Katharina von Bora ihr Noviziat, 1515 – gerade sechzehnjährig – legte sie ihr Gelübde ab. Eine „Nonnenkarriere“ war in jener Zeit nichts Ungewöhnliches für Mädchen aus adeligem Haus; als „Bräute Christi“ gehörten sie einem geachteten Stand an, waren lebenslang versorgt und erhielten eine gute Ausbildung. Tatsächlich erlernte Katharina das Lesen, Schreiben, wahrscheinlich Rechnen und erlangte einige Kenntnisse in Latein; außerdem eignete sie sich elementare Kenntnisse in Haus- und Landwirtschaft sowie in der Heilkunde an. Die Kehrseite dieses Daseins war das strenge und bis ins Detail geregelte Leben hinter Klostermauern.

Die junge Nonne Katharina erlebte eine Zeit des kirchlich-religiösen Umbruchs, der ihren weiteren Weg bestimmen sollte. Auch hinter den Klostermauern von Nimbschen fand die reformatorische Lehre Martin Luthers Widerhall. Seine mit der Papstkirche brechende und das Klosterleben gänzlich infrage stellende Lehre entzog vielen Mönchen und Nonnen die bisherige Gewissheit, durch ein abgeschiedenes, keusches und Gott gewidmetes Dasein ihre höchste Bestimmung zu finden. In seiner Schrift „Vom ehelichen Leben“ (1522) zum Beispiel erklärt Luther unter Berufung auf die Bibel, „dass Mann und Weib zusammen sollen und müssen, dass sie sich mehren“, also der Familienstand gottgewollt sei.

Flucht aus dem Kloster und erste Jahre in Wittenberg

Auch Katharina und andere Nimbschener Nonnen erfassten tiefe Zweifel an der Sinnhaftigkeit ihres Verbleibs im Kloster und – da ihre Familien sie aus dieser misslichen Situation nicht befreien konnten oder wollten – wandten sie sich an Luther in Wittenberg mit der Bitte, ihnen bei ihrer Flucht behilflich zu sein. Mit Unterstützung des Torgauer Ratsherren und Kaufmanns Leonhard Koppe, der das Kloster in Nimbschen regelmäßig mit benötigten Waren belieferte, konnten Katharina von Bora und andere Nonnen am 5. April 1523 (in der Nacht zum Ostersonntag) auf einem bereitstehenden Planwagen entkommen. In diesem Zusammenhang ist mal von zwölf, dann von neun entlaufenen Nonnen die Rede (man geht davon aus, dass drei von ihnen gleich bei ihren Angehörigen Unterschlupf suchten und nicht mit den anderen weiterreisten). Um die nicht ganz ungefährliche Aktion – sowohl den Fluchthelfern als auch den Entflohenen drohten drastische Strafen – ranken sich so manche Histörchen, die allerdings nicht verbürgt sind: So soll Katharina von Bora beim Klettern durch ein Fenster einen Schuh verloren haben; auch weiß man zu berichten, dass die Nonnen hinter Heringsfässern oder sogar in solchen (Hoffentlich blieb ihnen das erspart!) versteckt wurden.

Wittenberg im Jahr 1536
Wittenberg im Jahr 1536

Die jungen Frauen hatten nun alle Brücken hinter sich abgebrochen und besaßen kaum mehr als die Kleidung, die sie auf dem Leib trugen. Sie wurden nach einem Zwischenstopp in Torgau nach Wittenberg gebracht und kamen durch Luthers Fürsorge bei Gastfamilien unter. Um ihre Existenz abzusichern, sollten die ehemaligen Nonnen möglichst rasch verheiratet werden. Katharina lebte u. a. im Haus des angesehenen Hofmalers, Ratsherren und Apothekers Lucas Cranach dem Älteren, ein enger Freund Luthers, von dem auch fast alle zeitgenössischen Porträtbilder des Reformators und Katharina von Boras stammen. In Wittenberg mischte sich Katharina des Öfteren unter die Studenten und erhielt wahrscheinlich wegen ihrer Klugheit, Frömmigkeit und ihres Selbstbewusstseins den Spitznamen „Katharina von Siena“ (nach der gleichnamigen Heiligen). Noch 1523 lernte Katharina den Nürnberger Patriziersohn Hieronymus Baumgartner näher kennen und lieben. Doch aus der erhofften Hochzeit mit ihm wurde nichts, da seine Eltern angeblich entschieden gegen eine Ehe ihres Sohnes mit einer entlaufenen Nonne waren. Eine daraufhin von Luther ins Spiel gebrachte Verbindung mit dem Pfarrer und Theologieprofessor Kaspar Glatz lehnte Katharina rundweg ab. So kam es, dass sie 1525 als letzte der nach Wittenberg geflüchteten neun Nonnen noch nicht „unter der Haube“ war. Weder schön noch begütert, galt sie zudem als eigensinnig und hatte nach damaligen Vorstellungen mit ihren 26 Jahren das beste Heiratsalter längst überschritten. Einem Freund Luthers, dem Pfarrer Nikolaus von Amsdorff, vertraute die selbstbewusste Katharina allerdings an, dass sie ihn oder Luther heiraten würde. Und tatsächlich sollte Luther, der so lang an seinem Junggesellendasein festgehalten und überhaupt erst 1524 seine Mönchskutte abgelegt hatte, nach einigem Zögern um Katharinas Hand anhalten. Die Gründe dafür waren vielfältig: Zweifellos fühlte er sich verantwortlich für das Schicksal der entlaufenen Nonne, auch glaubte er, dass seinem leidenschaftlichen theologischen Bekenntnis zur Ehe nun endlich eine persönliche praktische Tat folgen müsse; sicherlich wollte er aber auch seinem ruhelosen Leben – er hatte sich viele Feinde gemacht und sah sein reformatorisches Werk gerade durch gewaltsame Bauernaufstände gefährdet – einen geordneten Rahmen geben, zumal er nun schon das Alter von 40 überschritten hatte und längst nicht mehr der Gesündeste war.

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Vorschaubild, Katharina von Bora, gemeinfrei

Wittenberg um 1536, gemeinfrei