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Martinsfest - Wir feiern Martini

Florian Russi

Kleine Broschüre mit Texten und Liedern zum Martinstag

Laterne, Laterne ... Im dunklen Monat November hält das Martinsfest einen Lichtpunkt für uns bereit. Vor allem Kinder freuen sich weit im Voraus auf den Martinstag, um mit ihren leuchtenden Laternen durch den Ort zu ziehen. Die Hintergründe zur Geschichte des festes und den traditionellen Bräuchensind in dieser Broschüre festgehalten. Mit einer Anleitung für eine selbstgebastelte Laterne, drei leckeren Rezepten und vielen Liedern, Gedichten und Reimen ist sie ein idealer Begleiter für jedermann.

Das Gautschen

Uralter Brauch der Jünger Gutenbergs

Nicht selten wird der Begriff „Gautschen“ mit der Bezeichnung „Gaucho“ in Verbindung gebracht, womit aber die Viehhirten in der Pampa Südamerikas gemeint sind. Dagegen ist das Gautschen etymologisch durchaus mit der Couch, der Papierpresse, verwandt. Wer sich etwas näher mit der Herstellung eines Buches, dem Buchdruck oder der Druckerzunft im Allgemeinen beschäftigt, der wird schnell feststellen, dass das Gautschen ein Jahrhunderte alter Brauch ist, der von den Jüngern Gutenbergs auch noch heute gelebt wird.

Die Tradition des „Gautschens“

Das Gautschen
Das Gautschen

Die Tradition des Gautschens lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. In der Druckerzunft war es üblich, die Lehrlinge des Handwerks nach bestandener Abschlussprüfung festlich in den Kreis der Gesellen aufzunehmen. Diese Übernahme erfolgte meist im Rahmen des jährlich stattfindenden Gautschfestes.

Der Begriff „Gautschen“ bezeichnet im ursprünglichen Sinn eine Fertigungsstufe beim Handschöpfen von Büttenpapier. Dabei wird der feuchte Papierboden auf einen trockenen Filz unter leichtem Druck abgelegt, also gegautscht. Bevor der Bogen schließlich zum Trocknen an der Luft aufgehängt wurde, erfolgte eine weitere Trockenstufe des Papiers in der Gautschpresse.

Gautschfest, Gautschbrief und Gautschmeister

Beim Gautschfest werden die Lehrlinge der Druckzunft, die ihre Ausbildung mit der letzten Prüfung abgeschlossen und bestanden haben, in den Kreis der vollwertigen Handwerker aufgenommen. Meist geschieht dies in Form einer Wassertaufe, die, ähnlich wie ein Neptunfest, mit traditioneller Verkleidung der Handwerkszunft und in einer dem Mittelalter nachempfundenen Sprache abgehalten wird.

Nachdem der Gautschmeister, im Allgemeinen einer der älteren und erfahrenen Handwerksmeister, den Namen des Täuflings, beim Gautschen auch „Gautschling“ oder „Kornute“ vorgelesen hat, wird dieser von den Packern, den Gehilfen des Gautschmeisters, gefangen und zur Bütt, einem großen mit Wasser gefüllten Bottich oder Fass, gebracht. Die Packer sind größtenteils Gesellen oder jüngere Handwerksmeister, die bereits gegautscht sein müssen.

Gautschbrief
Gautschbrief

An der Bütt verliest der Gautschmeister den Gautschbrief. Der Ruf des Gautschmeisters „Packt an“ ist das Zeichen für die Packer, den Gautschling in die Bütt zu werfen und dort reichlich unterzutauchen. So soll der zukünftige Geselle der Druckerzunft von all den Sünden der Lehrzeit, von allem „Unfug, der Fehlerhaftigkeit, der Murkserei und Hudelei“ und dem sich bisher angesammelten Bleistaub äußerlich reingewaschen werden.

Der äußeren Säuberung folgt die innere Säuberung, die mithilfe des Gautschtrunks erreicht werden soll. Der Gautschtrunk, ein zumeist äußerst widerliches Gesöff, kann regional gewisse Unterschiede ausweisen, ist aber traditionell aus zehn verschiedenen alkoholischen Getränken und verschiedenen Gewürzen sowie anderen geheimen Zutaten zusammengemischt.

Zum Abschluss wird dem frischgebackenen Gesellen, der nun feierlich in den edlen Kreis der Druckerzunft aufgenommen wurde, sein Gautschbrief überreicht. Traditionell wird das Gautschfest mit einem bunten Rahmenprogramm, mit Freibier, allerlei Gegrilltem und lustigen Gesängen begleitet.


Wer darf gegautscht werden?

Ursprünglich, also zu Gutenbergs Zeiten, wurden nur Buchdrucker gegautscht. Nach der ersten Spezialisierung des Handwerkes wandte man die Gautschtaufe auch bei Druckern und Schriftsetzern an.

In Zeiten der digitalen Welt werden die Bereiche der Druckvorstufe meist vom Ausbildungsberuf „Mediengestalter/in für Digital- und Printmedien“ besetzt. Deshalb werden heute bei den meisten der heute noch durchgeführten Gautschfesten neben den Medientechnologen Druck, Siebduck und Druckverarbeitung, den früheren Druckern und Buchbindern, mit diesen traditionellen Brauch des Gautschens auch Mediengestalter in den Kreis der Druckerzunft aufgenommen.

Wo wird heute noch gegautscht?

Das größte öffentliche Gautschen können Besucher jedes Jahr in Mainz, der Heimatstadt Johannes Gutenbergs (um 1400–1468) bestaunen. Die Mainzer Johannisnacht, neben der Fastnacht und dem Weinfest eines der größten Volksfeste der Region, findet seit 1968 immer um den 24. Juni, dem Johannistag, als viertägige Festveranstaltung statt.

Daneben wird die Tradition des gautschen heute vor allem an den Ausbildungsstätten der Berufe des Druckereihandwerks lebendig gehalten. So ist z. B. das jährlich zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres an der Leipziger Gutenbergschule stattfindende Gautschfest über die Grenzen der Schule und der Messestadt bekannt.

Daneben finden auch an anderen Lehreinrichtungen wie z. B. der Verein der Freunde und Förderer der Druck-und Medientechnik der Albrecht-Dürer-Schule Düsseldorf e.V., dem Oberstufenzentrum Druck- und Medientechnik Berlin oder dem Berufskolleg Ost der Stadt Essen alljährlich traditionelle Gautschfeste statt.

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Bildquellen:

Gautschfeier in Düsseldorf 2004 - Gautschen eines Druckerlehrlings Von Klaus Meßlinger - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=98...

Das Gautschen bei der Mainzer Johannisnacht Von Mainzer64 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 viaWikimedia Commons

Gautschbrief/Urkunde Von Mainzer64 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31...