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Sesenheimer Liebeslyrik

Florian Russi

Während seines Studiums in Straßburg lernte Johann Wolfgang von Goethe die Sesenheimer Pfarrerstochter Friederike Brion kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und Goethe wurde durch Friederike zu wundervollen Gedichten angeregt.

Einige von ihnen (Heideröslein, Mailied, Willkommen und Abschied u. a.) zählen zu seinen besten und beliebtesten überhaupt. In diesem Heft sind sie vorgestellt und mit Bildern und Erläuterungen angereichert.

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Ausflug nach Sesenheim

Ausflug nach Sesenheim

Florian Russi

„Erwache Friederike“

Die Liebe, so sagte auch der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, ist das wichtigste Thema in der Literatur. Dennoch gibt es erstaunlich wenige zu Herzen gehende Liebesgeschichten in der deutschen Literaturgeschichte. Eine davon hat sich in dem elsässischen Dörfchen Sesenheim zugetragen. Sie hat nur ein knappes Jahr lang gedauert, doch ihren Ausdruck in vielen Gedichten gefunden, von denen einige zu den schönsten und beliebtesten überhaupt gehören. (s. Sesenheimer Liebeslyrik)

Der Ort Sesenheim, heute Sessenheim geschrieben, liegt etwa 40 km nördlich von Straßburg und nur wenige Kilometer von der deutsch-französischen Grenze entfernt. Von Baden-Baden aus ist er in ca.½ Stunde zu erreichen. Im damals rund 600 Einwohner zählenden Dorf hat der zu dieser Zeit 21-jährige Straßburger Student Johann Wolfgang Goethe im Oktober 1770 in Begleitung eines Studienfreundes die Pfarrersfamilie Brion besucht. Die zweitjüngste der Töchter, Friederike, erregte sein Interesse und schon bald verliebte er sich in sie. Insgesamt sieben Mal kehrte er im Pfarrhaus ein, einmal blieb er für 5 Wochen. Ein weiteres Mal traf sich das Paar in Straßburg. In seinem Werk „Dichtung und Wahrheit“ erinnert er sich an seine erste Begegnung wie folgt:

„In diesem Augenblick trat sie … in die Tür; und da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf.“

In Sesenheim und Umgebung erlebten Johann Wolfgang und Friederike eine für beide beglückende Jugendliebe. Sie spielten gemeinsam mit den Geschwistern und deren Freunden, lasen sich vor, unternahmen Spaziergänge und Wanderungen, besuchten Freunde und Bekannte, küssten und umarmten sich. Goethe nutzte auch die Gelegenheit zum Gespräch mit Pfarrer Brion. Nachdem ihn bei einer Wanderung durch die nahen Rheinauen Insekten geplagt und gestochen hatten, nannte er das einen negativen Gottesbeweis. So eine Perfidie hätte sich ein menschenfreundlicher Gott nicht ausdenken können.

Ein Sesenheimer Dorfchronist hat mir versichert, dass Friederike von Goethe ein uneheliches Kind bekommen hätte, das aber schon bald nach der Geburt gestorben sei. Diese Geschichte hatte ich schon vorher gehört und gelesen, überprüfen konnte ich sie nicht.

Den Gedichten nach, die als Sesenheimer Liebeslyrik in die Literaturgeschichte eingegangen sind, hat es zwischen den beiden eine anregende Liebe gegeben. Das wohl schönste Gedicht aus dieser Zeit, „Willkommen und Abschied“, berichtet zugleich vom Ende der Beziehung. Vom Pferd herab verabschiedete sich Goethe von der Geliebten. Sie sah ihm nach „mit nassem Blick“. Die Liebe hat keine Erfüllung gefunden. Dennoch war sie für das Paar ein sehr wichtiges Erlebnis und für uns hat sie wundervolle Verse hervorgebracht.

Orte, an denen sich Bedeutendes ereignet hat, sind Anziehungspunkte auch für spätere Generationen. So auch Sesenheim mit seinem genius bzw. amor loci.


Auf Goethes und Friederikes Spuren



Die protestantische Pfarrkirche in Sesenheim heute

Altes Pfarrhaus in Sesenheim (um 1770)


Die zum alten Pfarrhaus gehörende Scheune ist noch erhalten.


Grabstätte der Eltern Brion an der Pfarrkirche in Sesenheim









Alter keltischer Grabhügel, heute Goethehügel oder Friederikes Ruh genannt. Dort haben sie sich häufig aufgehalten.



Goethe Memorial in Sesenheim


Büste im Goethe-Memorial


Auch die Pfarrerstochter ist durch einen Straßennamen geehrt.


Auberge au Bœuf
(Herberge zum Rind)
Hier befindet sich auch ein kleines Museum mit Dokumenten aus der Sesenheimer Liebesbeziehung.


Hotel Restaurant A la Croix d’Or (Zum goldenen Kreuz)
Hier trifft man oft Menschen, die über Goethe und Friederike einiges zu berichten wissen.

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Fotos: Florian Russi