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Christoph Werner

Schloss am Strom
Roman


Schinkel kämpft in seinen Fieberträumen um die Vollendung seines Bildes "Schloss am Strom". Er durchlebt auf seinem Krankenbett noch einmal sein erfülltes und von krankmachendem Pflichtgefühl gezeichnetes Leben und die Tragik des Architekten und Künstlers, der sich zum Diener des Königs machen ließ

Ernst Jünger

29. März 1895 – 17. Februar 1998

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Thomas Mann bezeichnete den einzig ihm ebenbürtigen Stilisten der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts als "einen eiskalten Jünger des Barbarismus", und in "Meyers Neuem Lexikon" der DDR von 1962 heißt es, er sei ein ideologischer Wegbereiter des deutschen Faschismus und durch seine in Westdeutschland veröffentlichten Werke zum prominenten Vertreter der militaristischen und neofaschistischen Literatur geworden. Weil er seine Gedanken im philosopischen Gewande und mit glänzender Stilistik darbiete, sei er ein besonders gefährlicher Gegner des gesellschaftlichen Fortschritts.

Arno Schmidt, den Jünger "einen niedersächsischen Diderot" nannte, schätzte ihn gar nicht.

Uns, die wir in der DDR aufgewachsen sind, wurde Ernst Jünger editorisch vorenthalten, und was wir von ihm lesen konnten, fanden wir entweder in den Bibliotheken unserer Väter (wie Ihr Autor Jüngers Buch "Auf den Marmorklippen" in der Erstausgabe von 1939) oder besorgten es uns illegal von westdeutschen Verwandten (wie Ihr Autor Jüngers "In Stahlgewittern").

Jeder, der sich über Ernst Jünger äußert, hat wohl etwas Recht, und die Sekundärliteratur bietet Widersprüchliches über den Schriftsteller, der wie kein anderer bedeutender Künstler mit fast 103 Jahren ein Lebensalter erreichte, das biblisch genannt zu werden verdient.

Jünger trat im Alter von 18 Jahren in die Fremdenlegion ein, doch ließ ihn sein Vater wegen seines jugendlichen Alters nach Deutschland zurückholen. Es scheint, als konnte er nicht früh genug seinem Ideal von Mannestum, dass er hauptsächlich im Kriegerischen sah, folgen. Er meldete sich bereits am 1. August 1914, also vier Tage nach Ausbruch des Krieges, als Freiwilliger und kämpfte (übrigens in dem Regiment, in dem Hermann Löns bereits am 26. September 1914 fiel) bis zum Ende des Krieges, ab 1915 im Range eines Leutnants, trotz siebenmaliger Verwundung an der Westfront. Im Jahre 1918 erhielt er den Orden Pour le Mérite, die höchste Tapferkeitsauszeichnung des Königreichs Preußen. Während des Krieges führte er ein Tagebuch, das die Grundlage für sein wohl bekanntestes Buch "In Stahlgewittern" (1920) bildete. Das Buch enthält einprägsame Erinnerungen an seine Soldatenzeit, die Kämpfe und das Leben im Schützengraben. Schwer erträglich für den heutigen Leser ist die distanzierte Art und Weise, in der er Tod und Zerstörung als Folge der Kriegshandlung beschreibt. Da wechselt sich die realistische Schilderung des Todes von unbeteiligten französischen Zivilisten oder das erfolgreiche "Abknallen" gegnerischer Soldaten mit der Beschreibung von darauf folgendem gemütlichen Beisammensein der deutschen Soldaten bei gutem Essen, Trinken und Rauchen ab. Es scheint das Bild des Landsknechtsdaseins herauf. So sehr die blutige Seite des Krieges verdeutlicht wird, so sehr bildet sie bei Jünger die notwendige Kehrseite der für den Erhalt des Vaterlandes unabdingbaren Schlachten, die dadurch kein Bedauern zulassen oder moralisch notwendig machen. "In Stahlgewittern" wurde in Deutschland und im Ausland ein großer Erfolg.

Nach seiner Entlassung aus der Armee studierte Jünger von 1923 bis 1926 in Leipzig und Neapel Zoologie und Philsosophie, ohne sein Studium abzuschließen. Trotz seines Militarismus, seiner Vorliebe für autoritäre Regierungsformen und seiner entschieden nationalistischen Ideale ging Jünger auf Angebote der Nationalsozialisten, sich ihrer Bewegung zur Verfügung zu stellen, nicht ein. Hitler hätte ihn als Kriegshelden gern für seine Partei gewonnen. Vielmehr schrieb er eine gewagte Allegorie über die barbarische Verwüstung eines friedlichen Landes, "Auf den Marmorklippen" (1939), die erstaunlicherweise die Zensur in Deutschland passierte und veröffentlicht wurde. Es heißt, wenig glaubhaft, sein Verleger habe das Buch sehr schnell, unter Umgehung der amtlichen Prüfungskommissionen und ohne Druckerlaubnis ausgeliefert, was die Behörden geschehen ließen und wogegen sie auch nachträglich nicht einschritten. Es ging das Gerücht, Hitler selbst hätte untersagt, den Träger des Pour le Mérite, dessen Kriegsbücher er bewunderte, zu behelligen.

Kurz vor Beginn des 2. Weltkrieges meldete sich Jünger erneut zum Fronteinsatz, wurde zum Hauptmann befördert und zur Wehrmacht eingezogen. 1941 kam er in den Stab des Militärbefehlshabers von Frankreich, wo er unter anderem für die Briefzensur zuständig war. Nach seinen eigenen Worten habe er Soldaten, die beispielsweise ein Pfund Kaffee verschoben, denunziert; wenn einer schrieb, der Führer soll hängen, habe er den Brief verschwinden lassen. (Gespräch mit dem "Spiegel" 1982)

Zerstörte Lagebesprechungsbaracke nach dem Anschlag
Zerstörte Lagebesprechungsbaracke nach dem Anschlag

Er war Mitwisser der Verschwörung des 20. Juli 1944 und sei, wie ein Biograph schreibt, wie durch ein Wunder der Verhaftung entgangen, wurde aber aus der Wehrmacht entlassen. Ein paar Monate später fiel sein Sohn Ernst in einem Strafbataillon in Italien, in dem er wegen Äußerungen gegen Hitler dienen musste.

Nach dem Krieg hatte Jünger, da er als Wegbereiter des Nationalsozialismus galt, bis 1949 Publikationsverbot. Später reiste und schrieb er bis kurz vor seinem Tod. 1986 reiste er nach Kuala Lumpur, um zum zweiten Mal in seinem Leben den Halleyschen Kometen zu sehen. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt er 1982 unter heftigen Protesten der Grünen im Frankfurter Stadtparlament den Goethepreis der Stadt Frankfurt. Am 20. Juli 1993 besuchten der französische Staatspräsident Mitterand und der deutsche Bundeskanzler Kohl Ernst Jünger in seinem Haus in Wilflingen (Oberschwaben). 1996 konvertierte Jünger zum römisch-katholischen Glauben, was erst nach seinem Tode bekannt wurde.

Der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Philipp Jenninger, empfängt den Schriftsteller Ernst Jünger in seiner Dienstvilla in Bad Godesberg.
Der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Philipp Jenninger, empfängt den Schriftsteller Ernst Jünger in seiner Dienstvilla in Bad Godesberg.

Bei der Lektüre der Bücher von Ernst Jünger bleibt etwas sehr Fragwürdiges. Einerseits möchte man nicht an seiner persönlichen Integrität zweifeln, die schon früh dadurch zum Ausdruck kam, dass er nicht von anderen verlangte, was er nicht selbst zu geben bereit war. Andererseits ist zu fragen, wie weit oder ob er überhaupt die Zusammengehörigkeit von Künstlertum und Gewissen gelten ließ. Es ist kaum zu leugnen, dass seine stilistische Höhe, seine Sprachgewalt, seine Ausstrahlung auf die um 1933 heranwachsenden Leser zu etwas Furchtbarem beitrugen, dazu nämlich, dass diese, begeistert durch seine Beschreibung des Kriegers als männliche Lebensform, auf den Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges verbluteten.

Dieser Artikel kann nicht auf die zahlreichen Werke Jüngers eingehen, unter denen seine sozialen und futuristischen Entwürfe nähere Beschäftigung verdienten. Das Anliegen Ihres Autors ist es, Ihnen eines der hervorragendsten literarischen Werke des 20. Jahrhunderts, "Auf den Marmorklippen", zu empfehlen, trotz der ahistorischen Geschichtsauffassung, die sich in der eigentümlichen Zeit- und Ortlosigkeit – der Küstenstrich der "Großen Marina" ist ein Komposition aus mediterranen und alemannischen Landschaftsformen – offenbart. Im Kampf zwischen den obskuren Mächten aus den Wäldern und Sümpfen, personifiziert im Oberförster, einer Gestalt von schauriger Jovialität, und den lemurenhaften Gestalten seiner Anhänger und den Kräften von Campagna und Marina, die Tradition und Kultur verkörpern, gehen erstere als Sieger hervor, was Jünger in phantastischen und blutigen Bildern schildert. Und doch scheint dem Leser der Sieg des Oberförsters nicht endgültig, sondern es bleibt die Hoffnung, dass die Kraft des reinen Gedankens und die Macht einer subtilen Sprache, in der sich die unzerstörbare Kultur ausdrückt, fortdauern werden.

Ernst Jünger. 1939/1941. Auf den Marmorklippen. Hamburg-Wandsbeck. Hanseatische Verlagsanstalt Aktiengesellschaft.

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Bildquellen:

Ernst Jünger im Jahr 1921. Quelle: Buch von Ernst Jünger: In Stahlgewittern, Berlin 1922, 3. Auflage, gemeinfrei

Zerstörte Lagebesprechungsbaracke nach dem Anschlag. Bundesarchiv, Bild 146-1972-025-12 / CC-BY-SA 3.0

Der Präsident des Deutschen Bundestages, Dr. Philipp Jenninger, empfängt den Schriftsteller Ernst Jünger in seiner Dienstvilla in Bad Godesberg. Bundesarchiv, B 145 Bild-F073370-0003 / Wegmann, Ludwig / CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons