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Gefangen im Netz der Dunkelmänner

Berndt Seite, Annemarie Seite und Sibylle Seite

Berndt Seite und seine Familie möchten sich die »Stasi« von der Seele schreiben, um nicht ein Leben lang mit der DDR-Diktatur konfrontiert zu bleiben. Der Text soll einen Beitrag zur Aufarbeitung der SED-Diktatur leisten. 

Als zu Weihnachten noch das Christkind kam

Als zu Weihnachten noch das Christkind kam

Andreas Schneider

Textauszug aus der berühmten Weihnachtsnovelle „Bergkristall“ von Adalbert Stifter

Weihnachten war noch im 19. Jahrhundert, vor dem Siegeszug von Weihnachtsmann, Kommerz und Werbung, ein im Charakter besinnliches Kirchenfest - und ist bis heute das erste und größte Fest im Kirchenjahr geblieben. Um die Mitte des 19. Jahrhundert hatte sich allerdings der Trend schon verfestigt, Kinder am Heiligabend zu beschenken. Für das Überbringen der Geschenke war damals noch ganz allein das Christkind zuständig, der „Heilige Christ".

Wie man sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts die Zusammenhänge dachte und wie eine solche Bescherung am Heiligabend ablief, hat der österreichische Schriftsteller Adalbert Stifter, er lebte 1805 bis 1868 hauptsächlich in Wien und Linz, in einer Novelle sehr ergreifend dargestellt. Stifter schrieb die Novelle im Jahr 1845 als Erlebnis aller drei Hauptfeste der christlichen Kircheund veröffentlichte sie noch im selben Jahr unter dem Titel „Heiliger Abend" in der Zeitschrift „Die Gegenwart". Für die Buchveröffentlichung acht Jahre später innerhalb der berühmten Novellensammlung „Bunte Steine" in zwei Bänden von 1853 wählte Stifter dann den Titel „Bergkristall". Die Novelle wurde unter denselben Titel 2004 von Joseph Vilsmaier verfilmt - allerdings in sehr freier Gestaltung des Themas.

Doch hören wir - genauer lesen wir, was ein Autor Mitte des 19. Jahrhunderts zum Weihnachtsfest in seiner damaligen Form festhielt. Denn so beginnt seine Novelle:

Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermüthige der Charwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht, und Schnee alle Fluren dekt, das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfest des Herrn der Christabend heißt, so heißt er bei uns der heilige Abend, der darauf folgende Tag der heilige Tag und die dazwischen liegende Nacht die Weihnacht. Die katholische Kirche begeht den Christtag als den Tag der Geburt des Heilandes mit ihrer allergrößten kirchlichen Feier, in den meisten Gegenden wird schon die Mitternachtstunde als die Geburtsstunde des Herrn mit prangender Nachtfeier geheiligt, zu der die Gloken durch die stille finstere winterliche Mitternachtluft laden, zu der die Bewohner mit Lichtern oder auf dunkeln wohlbekannten Pfaden aus schneeigen Bergen an bereiften Wäldern vorbei und durch knarrende Obstgärten zu der Kirche eilen, aus der die feierlichen Töne kommen, und die aus der Mitte des in beeiste Bäume gehüllten Dorfes mit den langen beleuchteten Fenstern empor ragt.

Mit dem Kirchenfeste ist auch ein häusliches verbunden. Es hat sich fast in allen christlichen Ländern verbreitet, daß man den Kindern die Ankunft des Christkindleins ? auch eines Kindes, des wunderbarsten, das je auf der Welt war ? als ein heiteres glänzendes feierliches Ding zeigt, das durch das ganze Leben fortwirkt, und manchmal noch spät im Alter bei trüben schwermüthigen oder rührenden Erinnerungen gleichsam als Rükblik in die einstige Zeit mit den bunten, schimmernden Fittigen durch den öden, traurigen und ausgeleerten Nachthimmel fliegt. Man pflegt den Kindern die Geschenke zu geben, die das heilige Christkindlein gebracht hat, um ihnen Freude zu machen. Das thut man gewöhnlich am heiligen Abende, wenn die tiefe Dämmerung eingetreten ist. Man zündet Lichter und meistens sehr viele an, die oft mit den kleinen Kerzlein auf den schönen grünen Ästen eines Tannen- oder Fichtenbäumchens schweben, das mitten in der Stube steht. Die Kinder dürfen nicht eher kommen, als bis das Zeichen gegeben wird, daß der heilige Christ zugegen gewesen ist, und die Geschenke, die er mitgebracht, hinterlassen hat. Dann geht die Tür auf, die Kleinen dürfen hinein, und bei dem herrlichen schimmernden Lichterglanze sehen sie Dinge auf dem Baume hängen oder auf dem Tische herum gebreitet, die alle Vorstellungen ihrer Einbildungskraft weit übertreffen, die sie sich nicht anzurühren getrauen, und die sie endlich, wenn sie sie bekommen haben, den ganzen Abend in ihren Ärmchen herum tragen, und mit sich in das Bett nehmen. Wenn sie dann zuweilen in ihre Träume hinein die Glokentöne der Mitternacht hören, durch welche die Großen in die Kirche zur Andacht gerufen werden, dann mag es ihnen sein, als zögen jetzt die Englein durch den Himmel, oder als kehre der heilige Christ nach Hause, welcher nunmehr bei allen Kindern gewesen ist, und jedem von ihnen ein herrliches Geschenk hinterbracht hat.

Quelle:

 Adalbert Stifter: Bergkristall, in: derselbe: Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe, herausgegeben von A. Doppler und W. Frühwald, Band 2,2, Stuttgart u. a.: Kohlhammer, 1982, Seite 183 ff. (originale Schreibweise beibehalten).

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Bildquellen:  

Vorschaubild. Christkind. Ausschnitt aus Heinrich Hoffmanns Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3 bis 6 Jahren. 1845, gemeinfrei 

Stadt Gottes, Illustrierte Zeitschrift für das katholische Volk, Sammelband 1893, gemeinfrei