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Karlheinz Fingerhut 
Kennst du Franz Kafka?

Was für ein komischer Kauz muss dieser Kafka wohl gewesen sein, dass kaum ein Lehrer so recht weiß, wie ihn vermitteln. Dabei ließen sich Kafkas Texte mit Träumen vergleichen, und die kennt doch jeder.
Karlheinz Fingerhut ermöglicht in diesem Buch einen leichteren Zugang zum Menschen Kafka und zu seinen teils verwirrenden Werken.

Das Mädchen

Sie war eine Schönheit, die viele Blicke auf sich zog. Eine große Anzahl von jungen Männern warb um sie, lud sie zum Essen oder Feiern ein, machte ihr Komplimente und Geschenke. Sie war sich ihrer Wirkung auf die Männer sehr wohl bewusst und dachte: „Ich kann es mir leisten, nur den zu nehmen, der all das erfüllt, was ich von einem Partner erwarte. Er muss blendend aussehen, beste Manieren besitzen, hoch gebildet, erfolgreich und sehr vermögend sein. Ich erwarte mir einen gesunden und sportlichen Mann, der unterhaltsam ist und mich auch zum Lachen bringen kann."

Doch unter ihren vielen Verehrern fand sie nicht einen einzigen, der ihren Erwartungen entsprach. Der eine war ihr nicht reich genug, ein anderer zu wenig gewandt, bei einem weiteren gefiel ihr die Nase nicht. Da entschied sie sich, keine Kompromisse einzugehen und auf eine Lebenspartnerschaft zu verzichten.

So blieb sie das, was man heute „Single" nennt und war damit recht zufrieden. Je älter sie jedoch wurde, desto mehr kam ihr das Alleinsein immer unbefriedigender vor. Sie begann, sich nach einem männlichen Partner zu sehnen. Doch die Männer, die in Frage gekommen wären, hatten sich längst mit anderen Frauen verbunden. Beim Blick in den Spiegel musste sie außerdem erkennen, dass ihre einstige Schönheit mit den Jahren verschwunden war. Sie begann, sich zu schminken. Doch auch das nutzte nichts. Männer können, wenn sie einmal abgewiesen wurden, nachtragend und zynisch sein. Das einst so junge hübsche Mädchen, inzwischen zur alten Frau geworden, hatte jedoch inzwischen ein unerträgliches Verlangen nach einem Mann, und da sie keinen anderen fand, nahm sie einen Krüppel.

Fazit: Wer glaubt, dass ihm alle Ansprüche und Erwartungen erfüllt werden müssten, kann nur Enttäuschungen erleben.



nacherzählt von Florian Russi

   

    

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Teaserfoto: pixabay, Urheber: ArtsyBee (gemeinfrei, kein Bildnachweis nötig)